Petra Klaus, eine der Gründerinnen von radio x, gibt in ihrem Radioblog einen Einblick in die Geschichte von radio x. Angefangen vom alles entscheidenden Frühjahr 1985 bis hin zum Sendestart lässt die Radiomacherin die Geschichte von radio x mit all ihren Höhen und Tiefen, lustigen Momenten und solchen großer Ratlosigkeit Revue passieren. Der Radioblog entstand zur radio x KOMMBar am 24.02.2011.

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Über die Anfänge von radio x
Cornelia Heier im Interview mit Petra Klaus (Nov. 2012 / 24:44 Min. / 22.7 MB)

Intro:
Wie ich auf die Idee gekommen bin, die Geschichte vor 1997 aufzuschreiben, kann ich gar nicht so logisch erklären. Vor einigen Jahren meinte Klaus Walter, ich solle doch ein Buch über die Geschichte des Radios schreiben, aber ich war skeptisch. Ein Buch schien mir so schwerfällig angesichts der Leichtigkeit des Mediums. Oft ist es auch so – zumindest nach meiner Beobachtung –, dass man das Ende von etwas herbei schreiben kann. Oder man erfasst intuitiv, dass etwas zu Ende gehen wird und wird deshalb zum Chronisten. So fiel die Band der Plan auseinander, nachdem Moritz R das Buch der Plan veröffentlicht hatte. Das war mir zu riskant.

 single flyer logo1986

Die Idee, die Geschichte aus meiner Sicht aufzuschreiben, kam mir am 05. Mai 2007, als ich eine Pause vom Flyerverteiler in der „Nacht der Museen“ im Dreikönigskeller machte, wo Weller und ein Kollege Dub und Reggae auflegten. Es war ganz heimelig, warm und gemütlich dort und eine echte Erholung von der kalten und überfüllten Museumsnacht. In der Atmosphäre ging es los. Es war keine wohlüberlegte Entscheidung, eher ein Sonderfall von „écriture automatique“, gestartet auf der Rückseite von zweckentfremdeten Flyern (sorry an die Veranstalter), bestimmt ein sehr seltsamer Eindruck im Dreikönigskeller. Ich habe mehr oder minder alles, an was ich mich erinnern konnte, ungeordnet an einem Rutsch runtergeschrieben. Erst jetzt, Jahre später, habe ich mich drangesetzt und geordnet, korrigiert und ergänzt. Apropos Ergänzungen. Ich bin dankbar für kollektive Erinnerungen.

Zwei Tage später kam mir dann die Idee, warum das ganze nicht als Blog unterbringen? Das entspricht zumindest der Flüchtigkeit des Radios. Zugleich ist es eine zeitgemäße Form der Publikation.

• 24. Februar 2011

Aus der Anfangszeit habe ich noch einen Ausdruck gefunden, damals auf dem Atari geschrieben, und gebe den Inhalt in Ausschnitten wieder.

„Wir werden oft gefragt, wie denn alles anfing mit dem Radio und so. Schlecht fing alles an, kann ich da nur sagen. 1985 stellten ein Freund und ich fest, dass der Blitz-Tipp sich bei dem Sender RPR in Rheinland-Pfalz Sendezeit gesichert hatte und munter nach Hessen rein sendete. … Was der Blitz-Tip kann, können wir schon lange, dachten wir, und stellten bei der Staatskanzlei Hessen einen Antrag auf eine Lizenz. Einige Zeit erhielten wir einen freundlichen Brief. Unser Antrag wurde abgelehnt. Begründung: "Man könne nicht etwas beantragen, was es gar nicht gibt."

Radio Metropol nannten wir unsere Idee. Walter E. Baumann entwarf ein kleines Signet, das einen Artdeco-Kopf mit Radiowellenhaaren zeigte, so ähnlich wie Wellers Logo heute, und wir begannen mit der Öffentlichkeitsarbeit. Noch ein Zitat aus dem alten „Atari“-Text:

„Eines der erstaunlichsten Phänomene damals war für mich, wie wenig die Leute selbst – auch in Kreisen der Linken – es für denkbar hielten, ein eigenes Radio zu haben. Wir konnten Performances organisieren. Plakate aufhängen, Filme vorführen, Zeitschriften herausgeben, Festivals veranstalten – alles war möglich. Aber in dem Moment, in dem wir an die elektronischen Massenmedien ran wollten, war Schluss, und das Schlimme war, dass die Leute das als gegeben hinnahmen und gar nicht in Frage stellten. Das sollte sich aber ändern.“

„Radio Metropol“ war eigentlich kein schlechter Name, klang aber ein bisschen wie Ottos Mops. Außerdem hieß schon irgendwas Metropol (nein, nicht das Café, das gab es damals noch nicht) und das hätte Probleme geben können.

•  01. März 2011

Collect-Power-by-telephone

 Walter E. Baumann hatte die Idee, kleine Radiosendungen auf einem Anrufbeantworter zu verbreiteten. Ich kaufte für 1000 DM ein Ansagegerät, was damals sehr viel Geld war. Das erste Tape lief im September 1986.
 
Einer der Amsterdamer Radiokünstler von Radio Rabotnik hatte ein paar originell-künstlerische Verhaltensregeln herausgegeben: „Make stress but know it’s a game“ oder „Collect Power by Telephone“. Später übernahmen wir dieses Motto für unsere Telefonsendungen.
 
Die Minisendung wechselte täglich, naja oder fast täglich. Das waren meist ausgewählte Veranstaltungshinweise – Musik, Ausstellungen, Partys, etc. Die Telefonphase dauerte insgesamt ungefähr drei Jahre lang. Achim Wollscheid steuerte eine komplette Industrial-Serie bei.
 
Irgendwann habe ich auch ein „The best of Telephone Tapes“ zusammengestellt, das noch existiert ebenso wie eine Reihe von Originaltelefonsendungen. Das Gerät war im Prinzip ein Anrufbeantworter, auf dem man allerdings keine Nachrichten hinterlassen konnte. Die „Sendung“ wurde auf ein spezielles Endlostape aufgenommen und konnte maximal vier Minuten dauern. Bei kleinsten Sendelöchern und zu geringem Pegel brach das Gerät die „Sendung“ einfach ab und man konnte ab dieser Stelle neu anfangen. Wir konnten ja keine Sendungen schneiden. Jedenfalls von den digitalen heutigen Möglichkeiten her betrachtet war alles vorsintflutlich und umständlich. Aber es hat funktioniert. Die Leute riefen sehr häufig an. Jahre später haben mir ein paar Leute erzählt, dass sie fast täglich bei unserem Telefonradio angerufen haben.
 
Zu der Zeit spielten Montagnacht um 1 Uhr sehr gute Bands im Cooky’s. Wir trafen uns so gegen 23.30 Uhr im Tatcafé – das war in dem Gebäude, in dem heute das Metropolis ist – und gingen dann rechtzeitig zu den Konzerten „rüber“. Zu der Zeit war Ralf Rainer Rygulla Geschäftsführer im Cookys, und das Programm war wirklich legendär. Rückblickend habe ich das Gefühl, für eine bestimmte Zeit jeden Montagabend im Cooky’s gewesen zu sein und alle Bands gesehen zu haben, was natürlich nicht stimmen kann. Konkret kann ich mich an Galliano erinnern, Lydia Lunch, Fishbone, der Plan und Psychic TV.
 
Dass ich oft am Dienstagmorgen um 8 wieder aufstehen musste, war mir eigentlich egal, irgendwie schaffte ich es immer, pünktlich auf meinem Job zu sein. Oft musste ich nach dem Konzert mitten in der Nacht noch meine kleinen 4-Minuten-Sendung aufnehmen, und das konnte dauern ….

•  07. März 2011

Micky Remann kannte ein Paar in Berlin, das bei dem Community Radio 100 aktiv war. Der Mann konnte täuschend echt Donald Duck nachmachen, die Frau war sehr nett uns unsere wesentliche Ansprechperson bei Radio 100. Micky Remann hatte auch eine sehr gute Radioidee, die auf seinem Konzept des „Somnambulen Salon“ basierte. Die Traumzeit wurde zur Sendezeit erhoben und genauso traumartig wie im Schlaf floss die Sendung dahin. Am besten war, wenn die Zuhörer während der Sendung einschliefen.
 
Angefangen haben wir im September 1989. Ich war inzwischen ins Nordend gezogen und hatte extra eine 3-Zimmer-Wohnung gesucht, um einen gesonderten Raum für das Radiostudio zu haben. Auf den 11 qm haben wir dann einmal im Monat mit Home-Equipment die vierstündige Sendung in einem Rutsch durchproduziert. Peter Fey in der Rolle des Dr. Tieftraum, Micky Remann als er selbst und Mainhost der Sendung, Sevo hat in erster Linie die Musik ausgesucht, Petra Ilyes als Kurzwellenheidi und ich der zugegebenen etwas undankbaren Rolle von Schwester Petra, sehr wahrscheinlich, weil ich da gewohnt habe und mich um Getränke wie Snacks gekümmert habe.
 
Wie in der Traumzeit war in der Sendung alles möglich. Alles, was in unserem „Bedroom“-Studio passierte, ging auf Sendung, jeder Lachanfall, jede Panne, alle Gespräche. Ich habe die Sendungen jedenfalls als sehr lustig in Erinnerung. Einen kleinen Eindruck gab es in der KOMMBar am 24.02.2011, wie in dem Skype-Gespräch mit Micky Remann zu sehen ist.

Kommbar2011-3Skype Gespräch mit Micky Reman, 24.02.11

Anfang 1990 hat Rainer Zufall die Stimmung von Public Dream Time in einem Artikel in der Frankfurter Rundschau sehr gut eingefangen – Fastnachtsgrüße aus der Kuhwaldsiedlung.
 
Station-Rose-Karte
 
Ebenfalls Anfang 1990 erschien sogar der Cassettensampler „The Best of Public Dream Time 1989“, der sich recht gut verkaufte. Das Beste aus dem Jahr 1990 haben wir ein Jahr später ebenfalls in 90 Minuten gepresst.
 
Public Dream Time lief auf Radio 100 in Berlin natürlich zu nachtschlafender Zeit, nämlich von 2 Uhr morgens bis 6 Uhr früh. Da um die Uhrzeit außer der Putzfrau niemand bei Radio 100 war, legte sie unsere Kassetten oder das DAT ein.
 
Uns gefiel die Vorstellung, dass ausgerechnet die Putzfrau unsere „Sendetechnikerin“ war. Ich habe mir immer einen Raum mit glattem Boden vorgestellt, die Putzfrau in geblümter Schürze wischt mit ihrem Mop den Boden. Zwischendurch geht sie ganz selbstverständlich und wie beiläufig zu dem Cassettenrecorder und drückt auf Play. Produziert haben wir die Sendung in der Regel von von 21 Uhr bis 2 Uhr früh. Nur einmal wollten wir es wirklich wissen und haben von 2 Uhr früh bis 6 Uhr durchproduziert, was schon hart war.

Moritz-R-Postkarte

Postkarte 1991, Moritz Reichelt, Cybergirl Nr. 98 Mercedes

1992 erwachten wir allerdings ziemlich unsanft aus unserem Radio 100-Traum. Die Redaktion von Radio 100 hatte einen Geschäftsführer bestellt, der gegen die Redaktion putschte, alle rauswarf und tatsächlich damit durchkam. Warum auch immer, die rechtliche Konstruktion von Radio 100 war so, dass dies möglich war. Die Empörung war groß, aber die Redaktion kam nie wieder auf die Beine und der Geschäftsführer kommerzialisierte das Projekt. Ich weiß nicht, was daraus geworden ist.
 
In diesen Radiozeiten passierte musikalisch jedenfalls eine ganze Menge. Acid Jazz, Chillout, Rave, Neopsychedelic. Unter dem Schauspiel gab es den Club XS, in dem man donnerstags chillen konnte und in dem „The Orb“ echte Schafe mitbrachten. Im Bahnhofsviertel startete die Lissania Clubnacht und Elisabeth Engel holte als erste Gilles Peterson nach Frankfurt, den sie aus London kannte und der hier völlig unbekannt war. In Großbritannien starteten die illegalen Megaraves. Zumindest in der Musik bewegte sich etwas, wenn schon in Sachen Radio in Hessen die totale Stagnation eingetreten war.
 
„Public Dream Time“ lebte noch einmal auf beim ersten Radioversuch des jetzigen Radio X im Mai 1996. Der Prinz-Fotograf Ernst Stratmann kam ins Studio und wunderte sich, dass wir alle halb „schliefen“ oder im Schlafsack, aber mit dem Mikro in der Hand auf dem Boden lagen. Das Foto erschien dann auch so in Prinz.

•  17. März 2011

Kasper König, damals Direktor der Städelschule und des Portikus, war sofort begeistert von der Idee eines Kunstradios und er unterstützte das Projekt, wo er nur konnte, auch finanziell und natürlich mit dem prominenten Platz direkt vor dem Portikus. Der Portikus war damals noch dort untergebracht, wo jetzt das Literaturhaus ist. Ursprünglich war geplant, das Studio direkt im Portikus aufzubauen, aber aus irgendeinem Grund ging das dann doch nicht. Nach zähen Verhandlungen mit diversen Ämtern – Gartenamt, Straßenbauamt – konnten wir dann den Platz auf dem Bürgersteig vor dem Portikus in Beschlag nehmen.
 
Walter E. Baumann hatte die gute Idee, das Studio in einem Container unterzubringen. Er überzeugte die Firma Hori Bauservice in Bad Vilbel, die wir überhaupt nicht kannten, uns kostenlos einen Container zur Verfügung zu stellen – inklusive Aufbau und Abtransport. Wir erwarteten einen von den schicken Baucontainern, die wir im Prospekt der Firma gesehen hatten, und waren zunächst sehr enttäuscht, als ein altmodische Bauwagen anrollte, aber dann haben wir uns 10 Tage lang sehr heimisch darin gefühlt.
 
Wie immer kamen die Texte und Fotos für das Programmheft zu spät. Damals mussten wir noch weitestgehend auf die analoge Anlieferung von Texten und Fotos zurückgreifen. Wie immer, haben wir zu spät angefangen und haben dann das Programmheft in einer Nachtsession geschrieben und layoutet. Das Layout haben wir auf einem Atari gemacht, damals gab es ja noch keine PCs mit guten Grafik- oder Layoutprogrammen, die für User wie uns zugänglich gewesen wären. Wir mussten auch noch persönlich in die Druckerei gehen und die Druckunterlagen vorbeibringen. Für „tough little units“ ist ja in diesem Bereich dank der technologischen Entwicklung alles viel einfacher geworden. Ich ging also früh morgens in die Druckerei. Anschließend musste ich direkt arbeiten gehen und bin ständig eingenickt. Ich war froh, als ich dann endlich nach Hause gehen konnte. Mit den heutigen Möglichkeiten wäre ein solches Heft in wenigen Stunden druckreif gewesen.


artikel-198829. April 1988


Die Devise lautete „mit dem Medium arbeiten“. Das heißt, für Inhalte spezifische Lösungen zu finden, Formen zu entwickeln, die dem Medium entsprachen und Radio nicht als „gesprochene Zeitung“ zu verstehen. Das, was der Frankfurter Radiopionier Walter Flesch „funkisch“ nannte.
 
Zum Kunstradio veranstalteten wir Workshops z.B. mit dem holländischen Radiopionie Willem de Ridder, von dessen positiven Einfluss Eick Hoemann noch jahrelang schwärmte. Ich glaube, man hört es seinen Sendungen immer noch an. Für die Workshops konnten wir kostenlos die schönen, kleinen Räume einer ehemaligen Galerie in der Alten Mainz
 
Dirk Hülstrunk, der heute das Knallfabet macht, las einen Text zur europäisches Harmonisierung des Asylrechts vor. Elisabeth Engel und ich interviewten Africa Bambaata in seinem Hotelzimmer in Bockenheim, düsten ins Studio und wenig später ging die noch heiße Cassette on air.
 
Anja Czioska, damals noch am Städel, spielte mit ihrer Band im Radio, was der Künstler Will McBride zufällig hörte. Er engagierte die Band vom Fleck weg für einen Auftritt auf seiner Vernissage. So kann Radio funktionieren.

•  28. März 2011

Zu der Radiogruppe an der Städelschule gehörten neben anderen Karsten Bott, von dem derzeit eine Ausstellung in der Kunsthalle Mainz zu sehen ist, Max Mohr, Marco Lehanka, Fiona Leus, Helga Fanderl.
 
Unsere Radiofreunde von Radio Bellevue (Lyon) und Radio Rabotnik (Amsterdam) waren für einige Tage unsere Gäste und machten ihren prägnanten Radiostil auch hier bekannt. Jeden Tag gab es bei „DJs today“ wechselnde DJs im Programm, z.B. Klaus Walter mit ausdrücklicher Erlaubnis des hr, und „Tips und Trips“ mit Julia und Anja, sozusagen ein Vorläufer des heutigen Veranstaltungsmagazins „x wie raus“.
 
Damals waren Hiphop und Rap relativ neu in Frankfurt. Nadim Karkutli, ein beliebter DJ, der jetzt für die EU arbeitet und beim Radio mitmachte, hatte öfters Partys im Keller vom Eckstein mit Rappern, Human Beatboxern und Scratchern veranstaltet. Weil das unserer Auffassung von Kunst entsprach und wir auch neue Musikrichtungen vorstellen wollten, luden wir die Crew ins Studio ein. Mit dabei war Moses P. der noch in die Schule ging, weiter ein sehr sympathischer Scratcher und Turbo-B, der später bei „The Power“ von Snap gerappt hat. Begleitet wurden die drei von ihrem Manager Mark Spoon, dem späteren Technokönig, der damals noch Koch war und Markus Löffel hieß. Die Crew hat live im Radio rerappt und gescratcht und wir haben sie zwischen den Tracks interviewt. Eine spannende Sendung!
 
Der italienische Radioperformer Argento Silver wollte unbedingt den Sendetitel „Ja fick mich!“ im Programmheft stehen haben, obwohl der gar nicht zu seiner Radiosendung passte und er einfach nur provozieren wollte. Wir konnten ihn nicht davon überzeugen, seine Sendung anders zu nennen, die künstlerische Freiheit siegte. Später sollte sich das als Nachteil für Argento herausstellen. Er wollte beim Arbeitsamt das Programmheft vorlegen als Beweis, dass er beim Kunstradio mitgewirkt hat, doch wegen des Sendetitels konnte er mit dem Heft nicht viel anfangen.


Kunstradio-2a
Superwitzig war eine Sendung von einem Schüler namens Jan Pelleringhoff, den Walter über ein Schülerpraktikum aufgegabelt hatte. Zusammen mit einem Klassenkameraden bot er eine Art Comedy-Hardcore-Psychoberatung für Schüler an: Die „Wimmerbox, Problemlöser für todtraurige Totalversager“. Die gefakten Anrufer hatten „ernsthafte Probleme“ und bekamen schon mal mit den Worten „Du bist depressiv? Tja, Pech gehabt. Sieh zu, wie Du da wieder rauskommst!“ den Hörer hingeknallt.
 
Im Kunstradio trug Hadayatullah Hübsch zum ersten Mal seine Gedichte live zusammen mit einem DJ vor. Später wurden regelmäßige Auftritte in der Batschkapp daraus.
 
Das Kunstradio war eigentlich der Prototyp des Frankfurter Stadtradios. Erstaunlich viele Leute, die damals dabei waren, sind immer noch bei Radio X auf Sendung oder waren lange beim Radio dabei: Angelika Hefner, Eick Hoemann, Peter Weiss, Achim Wollscheid, Dirk Hülstrunk, Sevo Stille, Peter Fey, Anja Czioska, Petra Ilyes, Oliver Augst.
 
Kunstradio-Bauwagen
 Wegen der Öffentlichkeit des Bauwagen-Studios bekamen wir regelmäßig Besuch von Gästen, darunter einige Skateboarder, die dann auch spontan eine Sendung machten. „Christine mit dem Skateboard“ habe ich später als Rosa Erdmann wieder getroffen.
 
Auch dieses Mal hieß es am Anfang und Ende eines Sendetages „Hier ist der hessische Rundfunk.“ Auch dieses Mal musste Herr Hochgrebe wieder unser ganzes Programm über sich ergehen lassen, aber dieses Mal durfte er dazu in seinem gemütlichen Büro im hessischen Rundfunk sitzen. Seine Aufgabe war es, bei rechtlich bedenklichen Situationen einzuschreiten und notfalls den Sendebetrieb zu unterbrechen.
 
Einmal rief er an und fragte uns: „Soll ich abschalten?“ aber eher, um uns zu helfen als gegen uns zu arbeiten. Was war passiert?
Fortsetzung in Teil 3

•  06. April 2011

Eine Gruppe von Studenten hatte sich in den Kopf gesetzt, ein Medium zu besetzen. Aber anstatt den Mut zu haben, den hr oder eine andere große Institution zu stürmen, hatten sie es auf unser wackliges Bauwägelchen abgesehen. Wir kannten auch die meisten der Hauptakteure und es wäre ja gar kein Problem gewesen, einfach eine Sendung zu machen, dazu hätten sie nicht das Studio besetzen müssen. Umso schwachsinniger fand ich es, eine Struktur aus dem eigenen Milieu anzugreifen und zu versuchen lahm zu legen, zumal es mit so vielen Leuten auf einmal im Bauwagen knalleng und heiß war. Walter E. Baumann schaffte es, auf seine ruhige und hartnäckige Art die Besetzer live on air letztlich aus dem Bauwagen „rauszutalken“. Nach ca. einer Stunde zog die Crew unverrichteter Dinge wieder ab. Im Nachhinein weiß ich auch gar nicht, was die „Message“ dieser Aktion sein sollte. Später haben wir uns wieder mit den Besetzern vertragen, z.B. hat uns Andreas Fanizadeh Jahre später die Abdruckerlaubnis zu einem Mumia Abu Jamal-Text für das Programmheft von Radio X gegeben.
 
Aber das war nicht die einzige Besetzung. Drei Tage nach Sendestart tauchte eine Gruppe Polizisten auf: Die Deutsche Bundespost hatte sie geschickt, weil der Verdacht auf einen illegalen Sender bestand. Es war schwer, die Beamten selbst mit unserem hochoffiziellen Dokument davon zu überzeugen, dass wir mit Erlaubnis des hr unter dessen sendeten. Da wusste die Deutsche Polizei wohl nicht was die Bundespost tat. Wer stellt sich schon auf eine so öffentlichen Platz wie vor dem Portikus, wenn er einem Piratensender machen will? Und wieso brauchte die Behörde drei Tage, um uns „aufzuspüren“?
 
Kunstradio-2a
Für mich persönlich der schlimmste Moment während des Kunstradios trat ein, als ich ganz alleine im orangefarbenen Bauwagen zur Vorbereitung des Sendebetriebs war und draußen auf einmal alles gelb wurde. Ein riesiger Postlaster, Teil eine Konvoys, hatte sich etwas verpeilt, konnte weder vor noch zurück und musste sich dann millimeterweise am Studio entlang manövrieren. Das dauerte etliche Minuten und manchmal passte zwischen Bauwagen und Postlaster gerade noch eine Vinylscheibe.
 
Während dieser Zeit machte das Gerücht die Runde, ich sei in Wirklichkeit sehr reich und würde so das Radio finanzieren, was natürlich überhaupt nicht stimmte. Kaspar König gab uns 5000 DM für das Projekt. Zu meiner Überraschung bewilligte Wolfgang Gerhard, damals Minister für Wissenschaft und Kunst in Hessen, uns ebenfalls 5000 DM für das Kunstradio. Auch die Stadt Frankfurt unterstütze uns. Die Einnahmen reichten gerade, um alle Kosten zu decken; den Großteil davon machten die Sendekosten der Deutschen Bundespost aus.
 
Walter Baumann hatte die schöne Idee für eine akustische Stadtrundfahrt, die dann live im Radio zu hören sein sollte. Der sehr eloquente und witzige Micky Remann war die richtige Person für eine solche Reportage.
 
Micky war sofort begeistert und kannte zum Glück jemand mit einem Autotelefon. Handys gab es damals noch nicht, wohl aber Autotelefone. Diese akustische Roadmap von Frankfurt war jedenfalls eines der Highlights des Kunstradios. Es ist auch heute noch spannend, Mickys guided tour durch die Stadt zu lauschen, die zum „Finale Grande“ am letzten Sendetag gehörte. Bald folgte dem Radio X-Mobil ein kleiner Autocorso aus begeisterten Radio X Hörern. Die Stadtrundfahrt endete vor dem Portikus, wo die ergreifenden letzten Minuten des Kunstradios live über die Bühne gingen: Oliver Augst hatte einen Chor auf den Stufen des Portikus platziert und dirigierte ein Stück. Wir hängten unsere Mikros dem Bauwagen heraus und übertrugen so das Stück im Radio. Ein schöneres Ende für das Kunstradio hätte es eigentlich nicht geben können. Wir waren sehr ergriffen und ganz traurig, dass die zehn Tage vorbei waren, obwohl alles so irrsinnig anstrengend war.
 
Damals konnten wir noch nicht ahnen, dass es fast zehn Jahre dauern würde, bis Radio X dauerhaft auf Sendung gehen konnte.

•  09. April 2011

Ich habe mir noch mal das Programmheft für das Kunstradio 1988 angesehen und bin jetzt noch beeindruckt von der Kreativität und dem Einfallsreichtum bei den Sendetiteln. Daher ist hier noch mal das komplette Programmheft Kunstradio zum Durchblättern.

 

Titelblatt-Programmheft

•  13. April 2011

Mitten in dieser dunklen Phase hörten wir, dass in Aschaffenburg Frequenzen ausgeschrieben werden sollten. Daher beschlossen wir, in Aschaffenburg Sendezeit zu beantragen und von Aschaffenburg nach Frankfurt „runter“ zu senden, denn technisch war das kein Problem. Da bei UKW-Frequenzen die Reichweite grob gesprochen identisch ist mit der Sichtweite, ist Frankfurt mit den Radiowellen aus Aschaffenburg zu erreichen, denn von einem erhöhten Senderstandpunkt in Aschaffenburg liegt Frankfurt in Sichtweite. Wenn überhaupt, würden wir nur stundenweise Sendezeit bekommen, mehr hätten wir auch nicht gewollt. Immerhin, so dachten wir, konnten wir damit die Entwicklung in Frankfurt bzw. Hessen etwas vorantreiben. Ich traf mich also mit Vertretern der Anbietergemeinschaft in Aschaffenburg – lokalen Gewerbetreibenden und Privatfunkablegern –, mit denen wir so gar nichts gemeinsam hatten. Die wollten natürlich etwas ganz anderes als wir, vor allem aber wollten sie uns nicht.
 
Ein Handikap war, dass für einen Sendeantrag mindestens eine Person ihren Wohnsitz in Aschaffenburg haben musste. Für uns persönlich sprach, dass wir dort niemand kannten, lizenztechnisch gesehen sprach es aber gegen uns. Die Vorstellung, sich auch nur pro forma dort polizeilich anzumelden, war auch nicht verlockend. Mir fiel dann zum Glück eine Grafikerin ein, die aus Aschaffenburg stammte. Sie vermittelte uns den Kontakt zu einem Einwohner, der sich als, na ja, ch würde sagen, verkiffter Hippie entpuppte. Die Briefe wegen des Lizenzverfahrens gingen an ihn und wir Frankfurter haben dann alle wichtigen Termine wahrgenommen. Damit hatten wir alle formalen Voraussetzungen erfüllt und konnten einen Lizenzantrag stellen.
 
Ich erinnere mich noch an einen langen Nachmittag in „Bayrisch-Sibirien“ – so nennen die Bayern liebevoll Aschaffenburg -, an dem Walter E. Baumann und ich uns mit Vertretern der CDU verbal rum schlugen, die solche Großstadt-Exoten wie uns um jeden Preis loswerden wollten. Auch wenn ich inhaltlich das gar nicht akzeptieren konnte, was die CDU-Vertreter auftischten, war beeindruckend, mit welcher Zähigkeit sie diskutierten und mit welcher Ausdauer Walter E. Baumann in dieser Diskussion standhielt. Kaum war eines ihrer Argumente erfolgreich entkräftet, kam schon das nächste auf den Tisch. Das habe ich nicht ohne Respekt registriert.
 
Um uns in Aschaffenburg bekannt zu machen, gaben wir „X – Das Informationsmagazin von Radio X“ heraus und verteilten es von Hand in A-burg. Aber dazu mehr in einer anderen Episode.
 
Allerdings war der alles entscheidende Termin, bei dem es um die Lizenzzusage selbst ging, derartig kurzfristig angesetzt, dass wir nicht schnell genug von unseren Arbeitsplätzen in Frankfurt loskamen, um nach A-burg zu fahren. Unser Hippie-Repräsentant ging dann selbst hin. Anschließend berichtete er uns, wie er sich für seine Begriffe tapfer in dem Gespräch geschlagen hatte, aber uns war klar, dass wir verloren hatten.
 
Als dann die Absage aus München kam, waren wir schon eher erleichtert, dass uns die Verbannung nach Bayrisch-Sibirien erspart geblieben war, auch wenn sie nur stundenweise gewesen wäre.
 
Ludwig I. hat Aschaffenburg sein „Nizza am Main“ genannt. Wie unterschiedlich doch die Wahrnehmungen sein können.

•  18. April 2011

Journalistisch etwas fragwürdig, aber wir fanden, dass wir die richtigen Fragen stellen und die richtigen Antworten geben konnten. Erschienen ist das Selbst-Interview in der Zeitschrift des legendären “Dorian Gray”.


Interview-RX

→ Download: Radio X  Selbst-Interview.pdf

•  25. April 2011