Radioblog

Kasper König, damals Direktor der Städelschule und des Portikus, war sofort begeistert von der Idee eines Kunstradios und er unterstützte das Projekt, wo er nur konnte, auch finanziell und natürlich mit dem prominenten Platz direkt vor dem Portikus. Der Portikus war damals noch dort untergebracht, wo jetzt das Literaturhaus ist. Ursprünglich war geplant, das Studio direkt im Portikus aufzubauen, aber aus irgendeinem Grund ging das dann doch nicht. Nach zähen Verhandlungen mit diversen Ämtern – Gartenamt, Straßenbauamt – konnten wir dann den Platz auf dem Bürgersteig vor dem Portikus in Beschlag nehmen.
 
Walter E. Baumann hatte die gute Idee, das Studio in einem Container unterzubringen. Er überzeugte die Firma Hori Bauservice in Bad Vilbel, die wir überhaupt nicht kannten, uns kostenlos einen Container zur Verfügung zu stellen – inklusive Aufbau und Abtransport. Wir erwarteten einen von den schicken Baucontainern, die wir im Prospekt der Firma gesehen hatten, und waren zunächst sehr enttäuscht, als ein altmodische Bauwagen anrollte, aber dann haben wir uns 10 Tage lang sehr heimisch darin gefühlt.
 
Wie immer kamen die Texte und Fotos für das Programmheft zu spät. Damals mussten wir noch weitestgehend auf die analoge Anlieferung von Texten und Fotos zurückgreifen. Wie immer, haben wir zu spät angefangen und haben dann das Programmheft in einer Nachtsession geschrieben und layoutet. Das Layout haben wir auf einem Atari gemacht, damals gab es ja noch keine PCs mit guten Grafik- oder Layoutprogrammen, die für User wie uns zugänglich gewesen wären. Wir mussten auch noch persönlich in die Druckerei gehen und die Druckunterlagen vorbeibringen. Für „tough little units“ ist ja in diesem Bereich dank der technologischen Entwicklung alles viel einfacher geworden. Ich ging also früh morgens in die Druckerei. Anschließend musste ich direkt arbeiten gehen und bin ständig eingenickt. Ich war froh, als ich dann endlich nach Hause gehen konnte. Mit den heutigen Möglichkeiten wäre ein solches Heft in wenigen Stunden druckreif gewesen.


artikel-198829. April 1988


Die Devise lautete „mit dem Medium arbeiten“. Das heißt, für Inhalte spezifische Lösungen zu finden, Formen zu entwickeln, die dem Medium entsprachen und Radio nicht als „gesprochene Zeitung“ zu verstehen. Das, was der Frankfurter Radiopionier Walter Flesch „funkisch“ nannte.
 
Zum Kunstradio veranstalteten wir Workshops z.B. mit dem holländischen Radiopionie Willem de Ridder, von dessen positiven Einfluss Eick Hoemann noch jahrelang schwärmte. Ich glaube, man hört es seinen Sendungen immer noch an. Für die Workshops konnten wir kostenlos die schönen, kleinen Räume einer ehemaligen Galerie in der Alten Mainz
 
Dirk Hülstrunk, der heute das Knallfabet macht, las einen Text zur europäisches Harmonisierung des Asylrechts vor. Elisabeth Engel und ich interviewten Africa Bambaata in seinem Hotelzimmer in Bockenheim, düsten ins Studio und wenig später ging die noch heiße Cassette on air.
 
Anja Czioska, damals noch am Städel, spielte mit ihrer Band im Radio, was der Künstler Will McBride zufällig hörte. Er engagierte die Band vom Fleck weg für einen Auftritt auf seiner Vernissage. So kann Radio funktionieren.

•  28. März 2011