Radioblog

Zu der Radiogruppe an der Städelschule gehörten neben anderen Karsten Bott, von dem derzeit eine Ausstellung in der Kunsthalle Mainz zu sehen ist, Max Mohr, Marco Lehanka, Fiona Leus, Helga Fanderl.
 
Unsere Radiofreunde von Radio Bellevue (Lyon) und Radio Rabotnik (Amsterdam) waren für einige Tage unsere Gäste und machten ihren prägnanten Radiostil auch hier bekannt. Jeden Tag gab es bei „DJs today“ wechselnde DJs im Programm, z.B. Klaus Walter mit ausdrücklicher Erlaubnis des hr, und „Tips und Trips“ mit Julia und Anja, sozusagen ein Vorläufer des heutigen Veranstaltungsmagazins „x wie raus“.
 
Damals waren Hiphop und Rap relativ neu in Frankfurt. Nadim Karkutli, ein beliebter DJ, der jetzt für die EU arbeitet und beim Radio mitmachte, hatte öfters Partys im Keller vom Eckstein mit Rappern, Human Beatboxern und Scratchern veranstaltet. Weil das unserer Auffassung von Kunst entsprach und wir auch neue Musikrichtungen vorstellen wollten, luden wir die Crew ins Studio ein. Mit dabei war Moses P. der noch in die Schule ging, weiter ein sehr sympathischer Scratcher und Turbo-B, der später bei „The Power“ von Snap gerappt hat. Begleitet wurden die drei von ihrem Manager Mark Spoon, dem späteren Technokönig, der damals noch Koch war und Markus Löffel hieß. Die Crew hat live im Radio rerappt und gescratcht und wir haben sie zwischen den Tracks interviewt. Eine spannende Sendung!
 
Der italienische Radioperformer Argento Silver wollte unbedingt den Sendetitel „Ja fick mich!“ im Programmheft stehen haben, obwohl der gar nicht zu seiner Radiosendung passte und er einfach nur provozieren wollte. Wir konnten ihn nicht davon überzeugen, seine Sendung anders zu nennen, die künstlerische Freiheit siegte. Später sollte sich das als Nachteil für Argento herausstellen. Er wollte beim Arbeitsamt das Programmheft vorlegen als Beweis, dass er beim Kunstradio mitgewirkt hat, doch wegen des Sendetitels konnte er mit dem Heft nicht viel anfangen.


Kunstradio-2a
Superwitzig war eine Sendung von einem Schüler namens Jan Pelleringhoff, den Walter über ein Schülerpraktikum aufgegabelt hatte. Zusammen mit einem Klassenkameraden bot er eine Art Comedy-Hardcore-Psychoberatung für Schüler an: Die „Wimmerbox, Problemlöser für todtraurige Totalversager“. Die gefakten Anrufer hatten „ernsthafte Probleme“ und bekamen schon mal mit den Worten „Du bist depressiv? Tja, Pech gehabt. Sieh zu, wie Du da wieder rauskommst!“ den Hörer hingeknallt.
 
Im Kunstradio trug Hadayatullah Hübsch zum ersten Mal seine Gedichte live zusammen mit einem DJ vor. Später wurden regelmäßige Auftritte in der Batschkapp daraus.
 
Das Kunstradio war eigentlich der Prototyp des Frankfurter Stadtradios. Erstaunlich viele Leute, die damals dabei waren, sind immer noch bei Radio X auf Sendung oder waren lange beim Radio dabei: Angelika Hefner, Eick Hoemann, Peter Weiss, Achim Wollscheid, Dirk Hülstrunk, Sevo Stille, Peter Fey, Anja Czioska, Petra Ilyes, Oliver Augst.
 
Kunstradio-Bauwagen
 Wegen der Öffentlichkeit des Bauwagen-Studios bekamen wir regelmäßig Besuch von Gästen, darunter einige Skateboarder, die dann auch spontan eine Sendung machten. „Christine mit dem Skateboard“ habe ich später als Rosa Erdmann wieder getroffen.
 
Auch dieses Mal hieß es am Anfang und Ende eines Sendetages „Hier ist der hessische Rundfunk.“ Auch dieses Mal musste Herr Hochgrebe wieder unser ganzes Programm über sich ergehen lassen, aber dieses Mal durfte er dazu in seinem gemütlichen Büro im hessischen Rundfunk sitzen. Seine Aufgabe war es, bei rechtlich bedenklichen Situationen einzuschreiten und notfalls den Sendebetrieb zu unterbrechen.
 
Einmal rief er an und fragte uns: „Soll ich abschalten?“ aber eher, um uns zu helfen als gegen uns zu arbeiten. Was war passiert?
Fortsetzung in Teil 3

•  06. April 2011